Den Tag mit ein paar Runden um den Sportplatz begonnen. Nach dem für mich schlimmen Monat Oktober muss ich wieder Tritt fassen. Auf dem kaltem Rasen des Fußballfeldes und der nassen Luft war es wie ein durch Nebel stocherndes Suchen nach neuem Halt. Die Mutter zu verlieren ist nicht leicht. Nachdem ich merkte, dass ich gegen den Ausnahmezustand meiner Seele nicht ankommen kann, habe ich es über mich ergehen lassen.
Am Nachmittag dann eine schon lange geplante Verabredung mit dem Pfarrer des Dorfes wahrgenommen. Kurzes Gespräch über die Gemeinde und deren Mitglieder bei zwei Tassen Kaffee in einem von seinen zwei Arbeitszimmern. Das Zimmer wurde neben den Büchern von zwei Tilman Riemenschneider Duplikaten beherrscht. Daneben einige Poster mit abgebildeten Plastiken von Ernst Barlach. Auch hatte er in diesem Zimmer ein Stehpult. An diesem schreibt er seine Predigten, immer mit der Hand. Er brauche die sinnliche Erfahrung beim Vorgang des Schreibens. Diese Sinnlichtkeit setzt sich als Lebendigkeit und Tiefe im Vortrag an den Sonntagen auf der Kanzel fort. Als Zuhörer und Zuschauer spürte ich immer eine Lebendigkeit und Tiefe, nun weiß ich woher das kommt. Irgendwo erzählt Ernst Jünger begeistert in seinen Tagebüchern, dass er einen Bauern in Niedersachsen besucht hat über dessen Tisch der Spruch stand: Auf diesen Tisch kommt kein gekauftes Essen.
Nach langer Zeit das erste Mal gelaufen. Jeden Tag schob ich das vor mir her. Faulheit und Trägheit konnte ich einige Zeit hinter einem schmerzendem Knie verstecken. Aber seit ein paar Wochen, eigentlich Monaten, ist das schlechte Knie wieder in Ordnung. Belohnt wurde ich an diesem sehr milden Septembermorgen von einem herrlichen Sinnerlebnis am Waldrand. Der Herbst legt sich nässend auf alles, was dort wächst und die Feuchtigkeit treibt die unterschiedlichsten Gerüche allerlei Pflanzen in die Luft. Auf der Koppel nebenan grasen die Pferde die letzten Möglichkeiten von der Wiese ab. Bald werden sie eingestellt. Keine Menschenseele weit und breit. Aus dem Dorf die Glocken, sieben Uhr. Am Ende einen Gruß an eine schwitzende Walkerin.
Nach dem ich endlich den ersten Band der Ernst Jünger Ausgabe des Klett-Verlages gelesen hatte, fiel mir STADT DER ENGEL von Christa Wolf in die Hände. Voller Skepsis kaufte ich dieses Buch. Eigentlich wollte ich beim Lesen Notizen machen und beobachten, wie sich diese Aufzeichnungen während des Lesens verändern. Zu den Notizen bin ich nicht gekommen. Das Buch machte mich zunehmender sprachlos. Irgendwo steht in dem Buch (sinngemäß): Ich war dabei, also will ich es erzählen. Beim Lesen hatte ich aber den Eindruck, sie war nicht dabei. Alles von ihr Erlebte wird nicht aus ihrer Beobachtung heraus wiedergegeben sondern gewertet. Sie nennt es Aufarbeitung. Diese Wertung verstellt den Blick.

